Logopädie Seltmann

Kinder führen ... eine natürliche Handwerkskunst

Kinder führen ... eine natürliche Handwerkskunst

ein Gastbeitrag von Barbara Zeller, redaktionelle Ergänzungen Sebastian Seltmann
 

Situation 1

Um den großen Familientisch haben sich Erwachsene mehrerer Generationen und die Kinder versammelt. Wir essen zusammen Abendbrot. Einer der Neffen hat sich meinen Schoß als Sitzplatz auserkoren.

Er ist ungefähr zwei Jahre alt und mit  Gabel, Händen und Löffel kann er schon ganz sicher hantieren. Aber das Messer ist es, welches ihn interessiert. Immer wieder greift er danach, während ich es benutze.

Der Opa runzelt die Stirn, denn natürlich sollen die Kinder ihre Finger von scharfen und spitzen Gegenständen lassen.

Ich lege die kleine Hand des Kleinen um den Messergriff und meine Hand um seine. Ich sage: „komm, wir machen das zusammen“. Ein Leuchten geht über sein Gesichtchen und dann ist er ganz auf das Schneiden konzentriert.

Als er das nächste Mal etwas „Gefährliches“ ausprobieren möchte, nimmt er meine Hand und sagt „wir beide zusammen“.

 

Situation 2

Heute wird die Fünfjährige  von Mama und ihrem kleinem Bruder abgeholt.
Wir sind gerade noch mit einem Spiel beschäftigt. Dem Bruder sieht man richtig an, wie gerne er mit seinen knuffigen Händchen mitmischen würde. Alleine könnte er weder den Würfel gezielt rollen, noch den Überblick über das Spielbrett behalten. Aber seine Mama und die große Schwestern kennen schon die Lösung.

Während der Junge von seiner Mama beim Würfeln und Figuren-fahren unterstützt wird, begleitet die Schwester ihrer beider Tun mit den Worten: jetzt bist Du dran mit Würfeln, die blaue Schnecke darf einen Schritt nach vorne, jetzt bin ich dran…

Durch ein paar wenige Handgriffe profitieren jetzt beide Kinder aus der Situation und können trotz verschiedener Entwicklungsstufen gemeinsam etwas erleben.

Die Große wird in ihrer Kompetenz gestärkt, der Kleine auch, jeder auf seine Weise.

 

Situation 3 bei lieben Freunden:

Eigentlich wollte ich abends nur kurz reinschneien. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Freundin akut mit einer dicken Grippe im Bett liegt und ihr 7-jähriger Sohn zu allem Überfluss einen anstrengenden Tag hatte. Sie, liebe Eltern erkennen es mit einem Blick: das Bett-geh-Ritual stand kurz vor dem Ausufern. Kurzerhand putze ich dem Jungen die Zähne, obwohl er das schon längst selber kann.  Danach geht er zufrieden und ohne Aufstand ins Bett. Als ich ihn vor ein paar Wochen schon mal hütete, war er sehr erstaunt ob dieser Prozedur. Heute ist er über mein Angebot hocherfreut und ein genießerisches Lächeln macht sich auf seinem Gesichtchen breit.

Als Teenie habe ich gelernt, junge Kinder zu entlasten, wenn sie nicht mehr können oder sie zu unterstützen wenn sie etwas noch nicht können. Als Erwachsene habe ich den neurologischen Sinn dahinter erkannt.

Wussten Sie dass "Gehalten- und-Getragen- werden" einer der wichtigsten Impulse für unsere neuronale Entwicklung ist? Schon im Mutterleib wird damit die Ausbildung der Nervenbahnen und Gehirnzellen angeregt.Auch in den Jahren danach wartet das Gehirn geradezu auf solche Schrittmacher für die Vernetzung. Diese Vorgänge lösen von Anfang an starke körperlich-geistig-emotionale Bewegungen aus.

Im günstigsten Falle führt dies zu geistiger Reifung und einer tiefen emotionalen Zufriedenheit.

 

Die kindliche Entwicklung ist der reinste Netzwerkbau.

Neue Leitungen werden gelegt, bestehende vernetzt, alte Verbindungen wieder zerlegt, damit sie erweitert werden können...

Deswegen die vielen Aufs und Abs. In den "Aufs" gehen plötzlich von heute auf morgen Dinge, die vorher unmöglich waren. Kurz gesagt -die Leitung steht!
Während der "Abs" hat man das Gefühl, zwei Schritte zurück zu gehen.Der Schnuller wird wieder gebraucht, es kommt zu "Anfällen", emotionale Unausgeglichenheit, der Gang zum Klo wird verpasst...

Für kurze Zeit sind die Leitungen zerlegt -  für weitere Baumaßnahmen.
Hier ist das Geführt werden am Platz. Alles andere löst Stress aus und legt Hirnareale lahm, wie bei uns Erwachsenen auch.Sind diese Phasen bewältigt bekommt man aus dem Kindermund wieder ein nachdrückliches „Selber“ zu hören.

Sie befürchten dass so eine "Pädagogik" zu Unselbständigkeit führt ? Meinem kleinen Bruder habe ich früher auch ab und zu die Zähne geputzt.

Heute hat er im Berufsleben schon früh eine verantwortungsvolle Leitungsposition und verwirklicht mit seiner Frau noch vor dem 30. Lebensjahr eine eigene kleine Familie.

Also, wenn ihr Kind das Nächste Mal beim Anziehen nicht in die Gänge kommt und die Emotionen schon am hochkochen sind, verkneifen sie sich zwischendurch einfach mal den Satz: „Das kannst Du schon selber“.

Gehen Sie stattdessen in die Hocke, helfen ihm freundlich und bestimmt in seine Sachen und sagen: „ Ich glaube heute machen wir das besser mal zusammen“. Wahrscheinlich ernten sie einen ungläubigen Blick oder einen offenen Mund.Schadet ja nicht, wenn unsere Kinder mal was zum Nachdenken haben.

Oder ermöglichen Sie den Umgang mit unsicheren Substanzen wie Teig oder Rostschutzfarbe, indem sie einfach die kleinen Hände mit ihren sicheren großen Händen führen.

Das ist nicht nur gut fürs Gehirn sondern macht das menschliche Miteinander unkomplizierter und reicher.

Liebe Grüße

Barbara Zeller

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