Logopädie Seltmann

Intelligenztest bei sprachentwicklungsgestörten Kindern

Ein aktueller Fall:

wir haben in einer unserer Praxen aktuell den Fall, dass mit einem Kind, welches Sprachverständnisprobleme hat, ein sprachbasierender Intelligenztest gemacht wurde. Wie Ihr euch sicher vorstellen könnt, war dieser nicht groß von Erfolg gekrönt, da die Anweisungen natürlich mittels sprachbasierender Anweisungen gegeben wurden. Wie kann es sein, dass wir in unserer heutigen Zeit immer noch mit solchen Themen zu kämpfen haben?!

Zum Hintergrund:
Um eine spezifische Sprachentwicklungsstörung diagnostizieren zu können und zu dürfen, sollten die Kinder keine physiologischen oder psychologischen Einschränkungen haben. Dies beinhaltet dass die Hörfähigkeit, die kognitive Entwicklung, sowie die Hirnreifung sich in einem "normalen" Bereich befinden.  Soweit so gut, ist bis hierher auch alles logisch. Doch nun das Paradoxon. Um die kognitiven Fähigkeiten zu verifizieren, werden Intelligenztests eingesetzt, welche hauptsächlich auf sprachbasierenden Anweisung beruhen. Also wird ein Kind mit einer Sprachentwicklungsstörung klassifiziert, welches die Anweisungen gar nicht, nur teilweise oder falsch versteht. Somit ist das Ergebnis meistens falsch, oder nicht aussagekräftig.

Also müssen bei Kindern mit einer expressiven oder rezeptiven Sprachstörung Testverfahren eingesetzt werden, welche dies berücksichtigen und somit eine faire Leistungsbeurteilung erlauben.
Dies müsst Ihr vermutlich, sofern Ihr betroffen seid, direkt in den SPZ Zentren oder zuständigen Praxen einfordern. 

In der logopädischen Fachzeitschrift Sprache-Stimme-Gehör aus dem Thieme Verlag, wurde dieses Thema im Heft 1, 2016 ausführlich besprochen. Für mich zusammenfassend empfand ich den sprachfreien Intelligenztest SON-R 2 1/2 - 7 als sehr vielversprechend.
Dieser Test ist nach dem Artikel von Prof. Dr. Gerolf Renner durchaus in der Lage, ohne expressive (sprachliche Anweisungen vom Tester) und rezeptive (Sprachverständnis Fähigkeiten vom Patienten) sprachliche Fähigkeiten auszukommen. Daher eignet er sich nicht nur für Kinder mit Sprachverständnisschwierigkeiten, sondern auch für Kinder mit Höreinschränkungen und Migrations-/ Flüchtlingshintergrund.

Warum eigentlich Intelligenztests, was bringt uns das?

Die Intelligenz ist ein wichtiger Hinweis für die mögliche weitergehende Entwicklung des Klienten. Welche schulische Laufbahn wird er einschlagen können, welche Bereiche des Lernens sind eingeschränkt, welche Auswahl an Behandlungsmöglichkeiten gibt es, bzw. machen Sinn. So ist es zum Beispiel selten möglich bei einer so genannten "homogenen" Entwicklungsstörung (alle Bereiche der kindlichen Entwicklung sind gleich betroffen)  große Entwicklungsfortschritte zu erreichen. Anders sieht es bei einer "heterogenen" Entwicklungsstörung aus (nur einer oder wenige Bereiche der kindlichen Entwicklung sind eingeschränkt-, bzw. verzögert). Hier kann man mit spezifischen Maßnahmen wie Ergotherapie, Logopädie oder anderen Heil- und Hilfsmitteln durchaus sehr große Fortschritte erreichen. 
Und, um eine umschriebene Diagnose nach ICD-10 zu erhalten, muss eine Intelligenzminderung ausgeschlossen werden.

Wie sieht nun der oben beschriebene Test aus, wie also wird der durchgeführt, wo kann ich ihn machen?

Der Testaufbau im Vorschulalter umfasst 6 Unter - Tests

  1.  Mosaike - verschiedene Muster sollen nachgelegt werden. Getestet werden hier die räumliche Analyse und Synthese
  2. Kategorien - Bildkarten sollen nach einem sich selbst erklärenden Prinzip zugeordnet werden. Ich stelle mir das wie eine Art Bildergeschichte vor, welche dann in der richtigen Reihenfolge einen Sinn ergibt.
  3. Puzzles - wie der Name schon sagt, sollen ungeordnete Einzelteile zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Es geht also um das Erkennen räumlicher Beziehungen
  4. Analogien - Spielsteine in verschiedenen Farben und Formen sollen sortiert und zugeordnet werden. Hierbei wird das schlussfolgernde Denken getestet.
  5. Situationsverständnis durch Bildkarten - auch hier soll konkretes schlussfolgerndes Denken getestet werden.
  6. Zeichenmuster - Nachzeichnen von vorgegebenen Formen. Ein Test welcher das räumliche Verhältnis abtestet.

Diese Untertests machen aus meiner Sicht durchaus Sinn, da sie sich auch in den Vorausläuferfähigkeiten der kindlichen Sprachentwicklung wiederfinden.

Was bedeutet das nun für die Eltern oder uns als Therapeuten?

Eltern mit sprachentwicklungsverzögerten oder sprachgestörten Kindern sollten auf nonverbale Intelligenztests bestehen. Ebenso ist es für uns als Therapeuten ersichtlich, dass sprachbasierende Intelligenztests bei Kindern mit SES (Sprachentwicklungsstörungen) oder sSES (spezifische Sprachentwicklungsstörung) keine wirkliche Aussagekraft haben. Dies sollte dann auch in den Arztberichten deutlich angesprochen werden.

Ich weise deutlich darauf hin ,dass ich den obigen Test nicht durchgeführt habe. Ich berufe mich dabei auf einen Artikel der oben benannten Zeitschrift sowie der alltäglichen Situation in den logopädischen Praxen. 
Ich freue mich auf Eure Kommentare und Fragen.

Liebe Grüße
Sebastian.

 

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