Logopädie Seltmann

Wie kann er nur ...

06.07.2016, aus: 

Wie kann er nur …

 

Diese Worte hörte ich gestern, als ich mit meiner Tochter (4 Jahre) das Radfahren übte. Ich überlegte natürlich gleich, was hab ich vergessen? Helm hatte sie auf, festes Schuhwerk war dabei. Vernünftig gekleidet war sie auch und Stützräder nutzen wir natürlich auch nicht. Also, was meinte die Person auf der gegenüberliegenden Straßenseite, welche sich mit ihrem Gesprächspartner über mich aufregte?

Zum Tathergang:

Meine kleine Tochter sieht bei ihren Freundinnen, wie diese zunehmend mit dem Fahrrad fahren. Also wollte mein Mädle nun auch Rad fahren. Als motivierter und stolzer Papa wurde sofort ein Rad besorgt und es ging los. Vom Prinzip des ihr bekannten Laufrads ausgehend, dachte ich mir es kann so schwer nicht sein. Allerdings ist mein Mädle Allumwelt interessiert. So war unser erstes Ziel dass sie geradeaus fahren sollte. Sie soll dabei in die Pedale treten und den Lenker gerade halten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich hielt sie dabei unter den Armen und konnte so noch leicht mit einwirken, lies sie aber unter anderem auch lenken wohin sie wollte, damit sie merkt welche Funktion der Lenker hat.

Natürlich ist ein 4 Jähriges Kinder gern mal in einer ausgediegenen Trotzphase, so auch mein Töchterchen. Das Fahrrad wurde mittels eines frustrierten Schwungs auf den Gehweg bugsiert, gefolgt von den Worten: „Papa, du musst mich schieben, du musst es aufheben!!!“.
Die Schar der actioninteressierten Liveteilnehmer mehrte sich, hier wurde mir nun bewusst dass ich vermutlich nicht den geeignetsten Platz zum Üben ausgesucht hatte.

Natürlich hob ich das Fahrrad nicht auf, und schieben, naja, das Fahrrad hat ja Pedale. Also tröstete ich mein Töchterchen, überzeugte sie davon dass es doch eine tolle Idee ist das Fahrrad selbst aufzuheben, und erneut in die Pedale zu treten.

So fuhren wir mehrere Male die Strecke auf und ab, bis es denn nun Zeit wurde Kind und Fahrrad in den abendlichen Feierabend zu bringen. Meine Tochter sah dies natürlich anders. Das Fahrrad wurde mittels des bereits bekannten Schwungs auf den Gehweg zwischen geparkt, so dass es mit dem Vorderrad verdreht etwas verquer auf dem Weg lag. Davor stand eine völlig empörte und müde 4 Jährige, welche sich himmelschreiend ungerecht behandelt fühlte. Die Zuschauer nach wie vor am Auto lehnend schauten natürlich mit zu.

Die Aufgabe an meine Tochter richtend, dass nach dem Fahrrad fahren dieses nun auch zu verstauen ist, wurde mit einem lauthalsen „NEIN, DUUUU“ beantwortet. Ebenso die Bitte doch das Fahrrad wieder auf zu heben, kam die Antwort mit der gleichen Intention. So tröstete ich nunmehr mein Töchterchen, zeigte viel Verständnis dafür  das sie noch weiter fahren wollen würde, sowie das der Abend viel zu früh zu Ende ist. Nachdem sie sich beruhigt hatte kam natürlich dieselbe Aufgabenstellung wieder auf sie zu, mit demselben Ergebnis. Diesmal, mit ruhigem und bestimmtem Ton, animierte ich mein Mädle das Fahrrad aufzuheben und in den Fahrradschuppen zu schieben. Unter weinerlichen Protest mit viel Geschrei und Wutausbrüchen schaffte sie den 4 Meter langen Weg das Fahrrad zu verstauen. Anschließend erklärte ich Ihr, wie toll ich es fand dass sie sich überwunden hat, das Fahrrad aufgehoben hatte und es auch in Fahrradschuppen gestellt hat, sowie, den Radständer runtergeklappt hatte. Mein Mädle war stolz und ich auch.

 

Nun saßen wir auf der Haustreppe darin vertieft ihr die Schuhe auszuziehen. Dabei erhaschten meine Ohren die Worte: „Wie kann der nur so hart sein, er ist doch viel stärker und hätte das Fahrrad einfach da reinschieben können, das arme Mädle musste sich da so quälen“.

 

Eigentlich war ich davon überzeugt dass ich die Situation pädagogisch wertvoll gelöst habe. Mein Töchterchen hatte sich durchgebissen, ich habe sie während der ganzen Zeit begleitet und nie allein gelassen. Zum Abschluss haben wir uns beide das tolle Ergebnis angeguckt und sie erschien mir auch stolz auf ihre Leistung. Also was war denn daran verkehrt?

Wie seht Ihr das? Ist es verkehrt seine Kinder zu animieren etwas selbst zu schaffen? Ich denke dass es durchaus wichtig ist, dass sie spüren dass sie ihre eigenen Grenzen überwinden können.
Wie geht’s Dir damit, schreib mal Deine Meinung einfach unten in die Kommentare.

 

Liebe Grüße
Sebastian

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